Grenzbegehung 1992


Bericht über den Grenzabgang im Jahr 1992

Grenzbegehung 2003Der Heimatpfleger und Forstamtmann Günther Kaerger, Verfasser der Broschüre „Die Flurnamen der Gemarkung Hedemünden“ hat über den Grenzabgang anläßlich des 75-jährigen urkundlich nachweisbaren Grenzgangs in Hedemünden am 17. und 31. Mai 1992 schriftlich festgehalten:

‚So steht es auf der Einladung. Man konnte also von Grenzstein zu Grenzstein durch die Wälder und Auen nach Herzenslust schlendern. Man konnte auch fragen, wo man denn eigentlich schlenderte und mancher Einheimische konnte, stolz auf seine Namenskenntnis in seiner Flur verweisen. Schließlich konnte man sich auch einmal Gedanken machen, was diese Flurnamen eigentlich bedeuten. Man konnte es, aber man war nicht dazu verpflichtet.‘

Die West- und Nordgrenze waren das Ziel des 17. Mai 1992

Von der Werra ging es die Nettelbeeke hinauf zum Dunkholz und der Dunkwiese, der Grenze zwischen den Gemarkungen Hedemünden und Lippoldshausen, der natürlichen Abgrenzung zwischen den frühzeitlichen Burgen von Hedemünden und Lippoldshausen. Hier lag also der alte Dunkhof, den wir heute in der Dorfgemeinschaft von Lippoldshausen finden, zu einer Zeit als die Sachsen in Einzelsiedlungen lebten bevor römisch/fränkisches Vorbild sie seit dem 8. Jahrhundert zu Stadt- und Dorfsiedlungen aufforderte. In der Dunk (in einer tief gelegenen Senke, wie wir heute sagen würden), lag also dieser Hof, dessen Stickstoffanfall die Nessel begünstigte, wodurch diese zum Indizbeweis wurde und den die Nettelbeeke ihren Namen verdankt.

Im unteren und oberen Siegen, also in der Quellmulde, ging es hinauf zum hohen Borne. Hier im Grenzhagen, also in neutralen Grenzstreifen (die Greniz als Grenzlinie kennen wir endgültig erst seit dem 16. Jahrhundert) war die Quelle (= Born) des Rischenbaches, der den Hedemündener Burgberg nach Osten hin natürlich begrenzt (Rin = Rein = Rinne besagt diese natürliche Grenze, die sich im Ziegengraben und dem Lippoldshäuser Schäfertal und Dietrichsgrund zum Brackenberg fortsetzt).

Die Grenze Hedemündens biegt jedoch beim Ziegengraben zum Osterberg hin ab. Das Grenzgemenge des Eichbühls (Egge = Grenze) mit den Dingstühlen (= altem Gerichtsplatz) und der Lerchenbreite (= ein Lerch ist eine Rodung im Grenzgemenge) weist den Eichbornsgrund hinauf zum Großen Kopf, der Spitze des Hopfenberges, einer mittelalterlichen Hofstelle am Junkerstieg (zum Brackenberg), der unser Grenzgemenge bei der Kohlstelle (hier wurde dem Namen nach geköhlert) kreuzt. Linnengrund (Linne ist Gerichtsbaum), Strohweg (strut = tiefer feuchter Grund), sowie der Teufelsgrund (tiuva = Grenzbann, der sich auf die Jungfrau Maria im Hochmittelalter bezieht) leiten unser Grenzgemenge zu den Kückenbergen, von denen man den Grenzgrund der Hadumane (des Streitbaches, der bei Hedemünden in die Werra mündet und dem Hedeminden, Haduminne als einstiger Königshof seinen Namen verdankt). Manntal nennen wir heute diesen Talgrund.

Wir verlassen das Cremr-Holz (was sowohl mit Mastholz für die Schweine, als auch mit Grenzholz gedeutet werden kann) und kommen nach Überschreiten des Manntals in den zum Königshof Münden gehörenden Königswald, dessen Spitze die Königsköpfe und dessen Verwalter und späteren Klostervögte die Herren von der Plesse sind bzw. waren. Der Ran-Malstein (ran = rot = Hoheits-, also Königsbegriff) erinnert an diesen einstigen Königswald.

Auf dem First im Walde auf der späteren Grenzlinie zum Amt Brackenberg (AB auf den Grenzsteinen) weitergehend erreichen wir das Grenzgemenge des Pless – Hagen, welches der urzeitliche Höhenweg (wir nennen ihn heute den Atzenhäuser Weg) beim Badenstein durchquert.

Die Ostgrenze der Hemündener Gemarkung war das Ziel der Grenzbegehung am 31. Mai 1992. Der Grenzgang begann an der „Wisur“, unserer Werra, dem Grenzbannfluß (wis = Wisch = Grenzbannzeichen) zwischen den verschiedensten Völkerschaften in den vergangenen Jahrtausenden. Die Lausebuche (luze = Versteck), in der der „Lausebengel“ lauschte, um den Ort rechtzeitig zu warnen, zeigt mit dem von ihr ausgehenden Saugraben (soe = Rand) und dem Eichbornsgrund (egge = Schneide) die Hedemündener Grenze bis zu der Zeit, als der Tremberg als Grenzgemeinschaft geteilt wurde (trep – tremp – trep = Anwande = Gemeinschaftsstreifen) und die heutige Grenze am Lauterbach (lude = Volk = Öffentlichkeit) zwischen Hedemünden und den Herren v. Berlepsch (auf den Grenzsteinen steht ein B) entstand. So wie unsere Lausebuche den Hedemündener Manbezirk abgrenzte, so einst der Gutshof Ellenbach (ein mittelalterlicher „Elendshof“, also eine Klause oder Wegehof) den Berlepsche Bezirk. Zwischen beiden die Gemeinschaft des Tremberges.

Die Grenze, der wir nun folgen ist nicht nur die Grenze zwischen Hedemünden und denen von Berlepsch, sondern sie ist auch Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Hessen und damit zugleich die Sprachgrenze zwischen dem Niederdeutschen im Norden und dem Hochdeutschen im Süden. Die sich durch den Eichholzgrund (hier fand man römische Verlierfunde) ziehende Grenze überquert am „Taternpfahl“, den alten Weg Ellenbach-Hof und an der „Hasensäule“, den alten Weg zum heutigen Vorwerk Ellenbach, beides Elendshöfe, die der Verlegung des alten Weges (des Eichholzweges) folgten. Hinauf geht es nun über den alten Lohkopf (loh – leh = Grenze im Hang, nicht etwa Eichenlohe) und den Hesselberg (nicht nach den Hessen benannt), sonder nach den Haselo als flechtbaren Zaun für den Landwehrknick) zu den Königsköpfen mit dem Badenstein, dessen Basaltgeröll hier oben in 430 m Höhe einen guten Waldboden hinterließ.

Das Grenzgemenge des Pleßhagen ließ am alten Höhenweg nach Atzenhausen wieder Anschluß nehmen an die Reeke (= Grenzhecke) des ersten Grenzganges und der Nasse Kirchhof erinnert nicht etwa an eine Kirche sondern an einen Versammlungsort am Höhenweg in der fränkischen Zeit, wie wir ihn als Vergleich am Kerkhofe oberhalb Wiershausen und an der Roten Bahn, also auch einem Höhenweg, oberhalb von Escherode finden.

Diese schlaglichtartige Erklärung der Grenznahmen zeigt die Belebung eines Grenzganges, bei dem viele Teilnehmer nicht nur ein Stück Heimat in Form eines ideellen Grenzsteinbesitzes mit nach Hause nahmen, sondern auch einen Einblick in die 975-jährige Geschichte der Heimatlandschaft erhalten konnte, einer Geschichte, die sich unter anderem hinter den Flurnahmen verbirgt, wenn es einem gelingt, diese zum Sprechen zu bringen.

 

Quelle:
Programm-Broschüre Grenzbegehung 2003 (PDF-Dokument), zur Verfügung gestellt von Bernd Apel und Heinz Klaus